„Was haben Sie da für einen Scheiß erzählt“: Die Geschichte von Mitarbeiter-Goodies

von

Markus Milz

Bild zum Blog Mitarbeiter-Goodies

„Herr Milz, was haben Sie uns denn da für einen Scheiß erzählt.“


So kam ein langjähriger Kunde, nennen wir ihn Herrn Schmidt, bei einem unserer regelmäßigen Erfahrungsaustausche auf mich zu.


„Wir haben immer noch Fachkräftemangel. Dabei haben wir uns doch auf Ihren Rat extra einen Obstkorb angeschafft!“


Erstmal stand ich da, wie der Ochs vorm Berg oder der Opa vor der Xbox. Dann fiel mir ein, wovon er vermutlich redete. Vor ein paar Monaten moderierte ich einen Gesprächskreis, bestehend aus Geschäftsführern mittelständischer Unternehmen aus dem IT-Umfeld. Das Thema des Tages lautete „Employer Branding: Was können Unternehmen tun, um in Zeiten von Fachkräftemangel gute Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten?“


Gute Mitarbeiter werden „gejagt“

Gut, Gesprächskreis war übertrieben. Da saßen keine toughen Manager mehr vor mir. Das war eher eine Selbsthilfegruppe.

Das merkte ich schon an meinem Eingangsbeispiel. Mir hatte ein Kunde mal gesagt: „Herr Milz, das mit den Headhuntern ist eine wirkliche Plage. Die rufen meine Mitarbeiter ständig an und fragen: „was verdienen Sie denn momentan?“. Und egal was die antworten, der Headhunter erwidert „dann kommen Sie doch zu uns – wir bieten Ihnen 50% mehr Gehalt!“ Was soll ich machen? Jeder meiner Mitarbeiter erhält so einen Anruf zweimal die Woche.“

Darauf erntete ich ungläubige Blicke aus dem Teilnehmerkreis. „Herr Milz, so ein unrealistisches Beispiel! Unsere Mitarbeiter werden zweimal TÄGLICH angerufen…“

Also habe ich in die Runde gefragt: was machen Sie denn, um Ihre Mitarbeiter an sich zu binden?

Nachdem ich gehörte hatte, was die Teilnehmer dafür alles anstellen, brauchte ICH eine Selbsthilfegruppe.

Meine Eltern haben von der Nachkriegszeit bis zum Jahre 2000 am Arbeitsleben teilgenommen. Wenn ich meiner Mutter erzählen würde, was meine Teilnehmer alles machen, um gute Mitarbeiter zu gewinnen, die würde sich zu meinem Vater umdrehen und sagen: „Oh Gott, unser Junge spinnt.“


Viele Firmen überbieten sich geradezu mit Aktionen für die Belegschaft

Erstmal werden absurd hohe Gehälter angeboten. Ich sag mal so, es ist ein erstes Anzeichen, dass was schief läuft, wenn der Angestellte mehr Geld bekommt als der Chef. Aber egal. Den Mitarbeitern wird noch so einiges mehr angeboten – zum Beispiel: kein Hundesitter zuhause? Kein Problem. Bring den Hund einfach mit ins Büro. Eine Firma kenne ich, wo Hunde nicht mit ins Büro gebracht werden dürfen. Weil die sich da nicht mit den Katzen vertragen. Aber ansonsten wird alles geboten, zum Beispiel ein ständig gefüllter Kühlschrank mit Softdrinks und Bier. Sie sagen, Alkohol bei der Arbeit? Wie sollen die dann abends nach Hause fahren? Keine Sorge. Dafür gibt es ja den Shuttle-Service. Alles zum Wohl der Mitarbeiter. Ich kenne eine Firma, die haben einen kostenlosen Süßigkeitenautomaten auf jeder Etage – das ist eine Firma, die produziert Aufklärungsmaterial für Diabetiker. Es gibt Unternehmen, da sind immer genug Steaks und Würstchen da und auf der Dachterrasse glüht der Grill. Mit der Erlaubnis sich während der Arbeitszeit jederzeit etwas auf den Grill werfen zu dürfen. Einige Angestellte sagen natürlich: Was? Grillen während der Arbeitszeit? Mach ich nicht. Wozu haben wir denn den Grillmeister!


Der Trend geht zu „Angestellte für die Angestellten“

Ja, es gibt Firmen, die haben Angestellte für die Angestellten. Grillmeister, Yoga-Trainer und Fachkräfte für Massagen am Arbeitsplatz. Da gibt es extra „Feelgoodmanager“ und „CHOs“: Chief Happiness Officers. Ich kenne eine Firma, die haben einen Masseur für die Masseure angestellt. Damit die beim Massieren nicht verkrampfen. Es gibt Unternehmen, die kümmern sich nicht mehr um Quality Management oder Kundenzufriedenheit – die sind viel zu sehr damit beschäftigt den ersten Platz beim Wettbewerb „Great Place to Work“ zu gewinnen.

Und trotzdem können die keine Fachkräfte halten oder neue anlocken – was machen die bloß falsch?

Ich erzählte dann von einem anderen Beispiel. Eine Geschäftsführerin war mit einem Problem zu mir gekommen. Es fiel ihr sichtlich nicht leicht darüber zu reden und ich dachte, so sieht es in Bayern aus, wenn jemand zur Beichte geht und eingestehen muss: ich habe SPD gewählt.

Jedenfalls sagte sie dann: „Wir sind ein Versicherungskonzern im süddeutschen Raum. Und wir haben für eine Employer-Branding-Strategie eine Beratungsfirma beauftragt.“

Sie hätte auch sagen können, „wir haben gerade aus Versehen Godzilla auf Tokio losgelassen“ – ihr Gesichtsausdruck hätte zu beidem gepasst.

Die Beratung tat, was Beratungen so tun: Man stellte eine Projektgruppe, bestehend aus Betriebsrat, HR und Betroffenen zusammen, führte Interviews und analysierte. Um dann in einer Reihe von Workshops Maßnahmen zu erarbeiten und zu beschließen, die die Arbeitgebermarke und -attraktivität des Unternehmens stärken sollen. Ein Ergebnis dieses zwei-monatigen Prozesses: wir brauchen einen Obstkorb!


Auch beim Obstkorb gilt: der positive Effekt verpufft schnell

Ja, das war die Lösung. Ein Obstkorb in jeder Abteilung. Immer eine griffbereite kleine Freude für jeden Mitarbeiter. Und durch die Bereitstellung von Vitaminen zeigt das Unternehmen, dass es sich um die Gesundheit der Angestellten sorgt. Perfekt!

Von wegen! 14 Tage lang hatte es den gewünschten Effekt. Weitere 14 Tage später redete schon niemand mehr darüber – der Obstkorb war selbstverständlich geworden. Kurz darauf gingen beim Betriebsrat die ersten Beschwerden ein. Was für eine Dreistigkeit des Arbeitgebers es doch sei, die Wünsche der Mitarbeiter komplett zu ignorieren; es gäbe nur Äpfel, Birnen und Bananen. Aber keine Maracuja, Kiwi und Pfirsiche.

Die Projektgruppe tagte erneut. Es wurde mehr Geld bereitgestellt. Und das Sortiment erweitert.

Dann kamen die nächsten Beschwerden: das beliebteste Obst – Maracuja, Kiwis und Pfirsiche seien ja nach der Befüllung des Korbes immer sofort vergriffen. So eine Frechheit!

Die Projektgruppe tagte erneut. Man beschloss mehr Geld für mehr Obst. Aber die Beschwerden hörten nicht auf….

Die Dame ist dann nicht weiter ins Detail gegangen. Ich vermute, es wurde extra ein Obstbeauftragter angestellt. Dann drei Leute aus der IT-Abteilung abkommandiert, die eine Obst-Reservierungssoftware aufsetzen sollten. Die sich dann wiederum beim Betriebsrat beschwert haben, dass sie sich nicht aufs Programmieren konzentrieren können. Weil die Sprechchöre „Wir wollen mehr Fallobst“ beim Sitzstreik der Frutarier in der Firma zu laut wären.

Ihr Fazit war einfach: „Nach weiteren vier Wochen wurde der Obstkorb wieder abgeschafft…“


Wie kann eine Abnutzung von guten Incentives verhindert werden?

Aber die eine entscheidende Frage ließ sie natürlich nicht los:


„Wie verhindert man denn letztlich eine „Inflationierung von Goodies“ – also mithin die Tatsache, dass ein neu eingeführtes und gut gemeintes Mitarbeiterincentive 14 Tage später nicht bereits als Selbstverständlichkeit oder gar negativ wahrgenommen wird? Wie schaffe ich es denn, dass ich als Arbeitgeber attraktiver werde?“


Daraufhin ich: „Anscheinend indem Sie einen Obstkorb abschaffen!“

Deshalb sagte ich auch zu Herrn Schmidt, der sich ja bei mir beschwert hatte, was für einen Mist ich erzähle: „Haben Sie denn nicht mitbekommen, dass der Obstkorb ein Negativbeispiel war?“

Da sagte er: „Ich war ja nicht dabei. Ich hab einen Kollegen zum Workshop geschickt, weil ich einen anderen Termin hatte.“

„Wo waren Sie denn?“

„Ich hatte ein Vorstellungsgespräch bei einem Headhunter.“

 

 

Wenn Sie interessiert, welche drei Methoden wirklich die Mitarbeiterzufriedenheit deutlich und nachhaltig erhöhen, schreiben Sie uns gerne eine Mail an [email protected] oder nehmen Sie an unseren regelmäßigen Erfahrungsaustauschrunden teil. Gerne informieren wir Sie und freuen uns auf Sie!